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Berichte aus Villa el Salvador

Lesen Sie hier Berichte unserer Freiwilligen über ihre Zeit an der Partnerschule des UG in Villa el Salvador, Peru:

3. Quartalsbericht Februar bis Mai 2017 Colegio „Fe y Alegría No 17“ – Villa el Salvador – Lima – PERÚ von Sophie Hänisch

Und schon wieder sind drei weitere Monate vergangen, ein weiteres Viertel meines Jahres hier in Peru gehört der Vergangenheit an. Von Erlebnissen und Erfahrungen die ich in dieser Zeit machen durfte, die mich in meinem Leben prägen, meine Sicht auf die Dinge teilweise verändern oder überdenken lassen, möchte ich euch mal wieder berichten und euch ein wenig an meinem Leben teilhaben lassen. Die letzte Zeit verging für mich wie im Flug und mit dem Gedanken, dass in weniger als drei Monaten meine Zeit hier vorbei sein wird, kann ich mich noch nicht anfreunden. Ich habe mich hier inzwischen so eingelebt, bin mit dem Leben und der Kultur vertraut. Wenn ich an „zu Hause“ denke, denke ich an mein Haus und Zimmer hier in Villa el Salvador, in einer Straße aus Sand, in einem der ärmsten Viertel der Stadt – eine Tatsache, die noch vor einem Jahr unvorstellbar war. Doch die Zeit erfüllt mich und lässt mich wachsen. Danke an euch, dass ihr mich in welcher Form auch immer unterstützt!

Die Arbeit im colegio

Anfang April hat nach einigen „Startschwierigkeiten“ endlich das neue Schuljahr wieder richtig begonnen. Das bedeutete für uns Freiwillige wieder von vorne zu beginnen in den Klassen Werbung für unsere Angebote zu machen, Anmeldezettel zu verteilen, einen Stundenplan zu entwerfen und sich an die wöchentliche Routine zu gewöhnen. Im Taller de violín habe ich wieder meine alten Schüler eingeladen, leider hatten einige keine Lust oder Zeit mehr weiterhin teilzunehmen, weshalb ich noch viel Zeit hatte mit neuen Schülern, diesmal aus der 5. Und 6. Stufe der Unterstufe anzufangen. Auch aus dem Ferienkurs, den ich im Januar und Februar im colegio angeboten hatte, spielen fast alle Schüler weiterhin mit, was mich sehr gefreut hat. Da ist jetzt viele Schüler habe, die alle gleichzeitig bei Null angefangen haben, wird mir mal richtig bewusst sichtbar, wie unterschiedlich das Lerntempo und vielleicht auch das Talent der Schüler ist. Manche spielen nach knapp zwei Monaten schon mit fast allen Fingern, bei anderen kämpfen wir noch damit, nur eine leere Saite zu spielen, ohne dass andere mitklingen oder es scheitert daran, dass sie den Unterschied zwischen Halben und Vierteln nicht spielen können. Doch für mich ist weiterhin das wichtigste, dass die Schüler mit Freude und Motivation dabei sind und das Geige spielen als etwas Besonderes und Wertschätzbares ansehen. Bei fast allen meinen „alten“ Schülern habe ich das Gefühl, dass sie in den letzten neun Monaten seit ich hier bin, auch wirklich Fortschritte im Geigen spielen gemacht haben. Die Schüler haben sich auf mich eingelassen, und sich an mich gewöhnt. Ich habe das Gefühl im Unterrichten angekommen zu sein, auch wenn ich ohne pädagogisches Wissen, lediglich mit Fachwissen, angefangen habe, habe ich meinen Weg gefunden, und zudem ein gutes Verhältnis zu den Schülern aufgebaut. Denn es macht allen großen Spaß. Das einzig Frustrierende ist manchmal nur, wenn ich mal wieder vergeblich auf meine Schüler warten muss, die wegen irgendeiner Ausrede entweder viel zu spät oder gar nicht kommen. Außerdem habe ich vor allem bei einigen jüngeren Schülern immer wieder mit disziplinarischen Problemen zu kämpfen, was mir den Unterricht mit ihnen erschwert und außerdem die Fortschritte der Kinder sehr einschränkt.

Ich habe vor, die letzten drei Monate noch sehr sinnvoll zu nutzen, um am Ende ein kleines Vorspiel auf die Beine zu stellen, zu dem hoffentlich alle etwas beitragen können.

Taller de alemán

In unserer Deutsch-AG haben wir dieses Schuljahr leider weniger Schüler, sodass wir jeweils zwei Jahrgangsstufen zusammengelegt haben. Zuvor hatten wir für alle fünf Jahrgangsstufen der „secundaria“ eine eigene Gruppe. Was das Niveau der Schüler betrifft, mussten wir zu Beginn des Schuljahres im April leider quasi wieder von vorne anfangen. Bei einigen wenigen ist zwar sporadisch noch etwas vom letzten Jahr hängen geblieben, hauptsächlich haben wir jedoch andere Schüler, die neu angefangen haben. Wir versuchen weiterhin, die Stunde in zwei Teile zu teilen, um den Schülern etwas von Grammatik und Kultur vermitteln zu können. Im Grammatikteil lernen wir zum Beispiel mit allen Stufen gerade die unterschiedlichen Verbformen im Präsens und damit einfache Hauptsätze mit verschiedenen Verben zu bilden. Doch man merkt leider, dass sie das Fremdsprachen lernen, nicht gewöhnt sind und auch ihre eigene Sprache grammatisch kaum durchdenken können. Gerade wenn es darum geht, dass beim regulären Verb in den verschiedenen Personen nur die Endung verändert wird, was im Spanischen genau das gleiche ist, wird das besonders deutlich. Auch kennen viele die Reihenfolge der Personalpronomen nicht, was ich für eine 7. Klasse wirklich erwartet hätte. Die deutsche Aussprache bleibt nach wie vor etwas, mit dem alle zu kämpfen haben. Die Schüler geben sich zwar große Mühe, wenn wir jedoch mal überhaupt nicht verstehen, welches Wort der Schüler meint, ist es oft auch sehr lustig.

Mit unserer dritten Klasse haben wir uns in letzter Zeit intensiver mit dem Thema Müll und Umwelt in Peru befasst und dazu auch eine Skyp-Konferenz mit der Peru-AG gemacht. Dabei ging es um die Probleme, die das Land in Bezug auf den Umgang mit Müll hat. Die fehlende Mülltrennung und das damit verbundene Recycling, das fehlende Bewusstsein der Menschen, der Umwelt und ihrem Lebensumfeld gegenüber, da jeder ungeachtet den Müll auf die Straßen wirft. Dazu haben sich die Schüler eigene Lösungsmöglichkeiten überlegt und diese präsentiert. Die Umsetzung der Konferenz mit Deutschland erwies sich leider jedoch als schwierig und musste auch nach der Hälfte abgebrochen werden, weil uns das Internet in der Schule durch plötzliches Ausfallen einen Strich durch die Rechnung machte. Trotzdem hoffe ich, dass wir die Schüler durch dieses Thema ein wenig sensibilisieren konnten, ihren Umgang mit Müll nochmal zu überdenken und ihr Verhalten zu ändern.

Präsentationen

Da unsere Spanischkenntnisse inzwischen so weit fortgeschritten sind, habe ich gemeinsam mit Frieder und Rebecca seit Beginn des Schuljahrs eine neue Aufgabe. Wir bereichern den Unterricht aller vier Parallelklassen der ältesten Stufe der Secundaria einmal die Woche durch eine circa 45-minütige Präsentation. Dabei geht es um theoretische Themen wie die EU oder das deutsche Schulsystem, aber auch um Themen wie die deutsche Familie, deutsche Jugendliche oder der Umgang mit Sexualität. Die Präsentationen sollen die Schüler dazu anregen, ihre Kultur, ihr Land zu reflektieren, mit anderem zu vergleichen und neues kennenzulernen. Doch leider muss gesagt werden, dass uns auch hier beim Präsentieren manchmal die pädagogischen Mittel beziehungsweise das knowhow fehlen, um jedes Mal eine anspruchsvolle und interessante Stunde zu halten, bei der alle Schüler miteinbezogen werden und es kein eintöniger Lehrervortrag wird. Gerade bei persönlichen Themen über Familie und Sexualität, was hier im Unterricht normalerweise nie Thema ist, wollten wir, dass die Schüler auch von ihren eigenen Erfahrungen und Meinungen erzählen, was sich jedoch als extrem schwierig herausstellte, und sich kaum einer diesen „Tabu-Themen“ offen stellte. Trotzdem finden die Präsentationen bei den Schülern großen Anklang und sie stellen meist interessierte Fragen. Weil alles natürlich auch gut vorbereitet werden muss, und ich auch im Geigen-Unterricht insgesamt mehr Gruppen habe, habe ich zur Zeit eine sehr volle Schulwoche. An vielen Tagen bin ich fast den ganzen Tag in der Schule, so dass unter der Woche kaum Zeit für andere Aktivitäten bleibt. Doch die Arbeit hier im colegio „Fe y Alegría“ macht mir großen Spaß, denn auch das Verhältnis zu Schülern und Lehrern ist sehr gut.

Mein Leben außerhalb der Schule

Das letzte Vierteljahr war hauptsächlich vom Anfang des Schuljahrs und deshalb mit Arbeit geprägt, trotzdem konnten wir die Wochenenden mit Aktivitäten in Lima nutzen. Zum Beispiel war ich zum ersten Mal in meinem Leben surfen, oder wir waren oft im südlich gelegenen Dorf San Bartolo um dort nochmal Sonne und Strand zu genießen. Über die Ostertage, ein verlängertes Wochenende, bin ich mit anderen Freiwilligen nochmal nach Huaraz in die Berge gefahren. Auch wenn ich dort letztes Jahr schon einmal gewesen war, habe ich viel Neues gesehen. So kamen wir zu einem Gletscher auf über 5000 Metern Höhe oder zu einer wunderschön gelegenen Lagune, mitten umgeben von 6000ern. Es war schön, nochmal die klare Bergluft und das frische Grün zu genießen, was mir hier in Villa el Salvador schon oft fehlt. Eine wirklich unvergessliche Fahrt machte ich mit meinen Mitfreiwilligen Rebecca und Frieder über den 1. Mai, als Antonio, unser Mentor der Schule, uns und den Lehrer Richard mit in „sein“ Andendorf nahm, in dem er als kleiner Junge auswuchs. Das Dorf Pango liegt in der Nähe von Trujillo im Norden Perus. Von Lima aus ging es für uns also zuerst dorthin, um von da aus mit einem Taxi für sechs Personen zuerst nach Otuzco, eine kleine Stadt in den Anden gelegen, zu fahren. Von dort aus machten wir uns auf den Weg nach Pango. Das Taxi fuhr uns auf einer Schotterpiste noch ein Stück weiter bergaufwärts in die Anden hinein, doch auf halben Weg stiegen wir mit unserem gesamten Gepäck aus, um zu Fuß über einen steilen Trampelpfad zum Dorf zu gelangen. Das Dorf liegt idyllisch gelegen auf einem Bergrücken mit einer fantastischen Sicht auf die umherliegenden Berge. Wobei der Begriff „Dorf“, so wie wir ihn aus Deutschland kennen, schon viel zu viel gesagt wäre. Es handelt sich eher um eine Ansammlung mehr oder weniger weit voneinander entfernt gelegenen Häusern, die durch Feldwege oder Pfade verbunden sind. Unser Mentor Antonio besitzt dort eines dieser Häuser und ein bisschen Landwirtschaft, um die er sich mit Teilen seiner Familie, die dort leben, kümmert. Die Häuser dort, auch das in dem wir unterkamen, sind alle aus Lehmziegeln gebaut, es gibt sporadisch Strom, eine kleine Glühbirne muss reichen. Nur über eine Leiter gelangte man in das zweite „Geschoss“ des Hauses, in dem ich jedoch nicht aufrecht stehen konnte. Die Fensterlücken waren entweder einfach ganz offen oder mit Plastikplanen gegen Wind und Regen verschlossen. Neben dem Haus gab es einen Wasseranschluss mit Waschbecken. Als Toilette nutzen wir die Umgebung, einige Gehminuten entfernt gab es auch eine „Gemeinschaftstoilette“. Trotzdem gibt es sogar eine kleine Schule zu der Schüler aus allen umherliegenden Dörfern kommen und ein medizinisches Zentrum im „Dorfkern“. Die Eindrücke, die ich hier sammeln konnte, sind unbezahlbar. Die Welt scheint hier noch vollkommen in Ordnung zu sein. Die Menschen leben im Hier und Jetzt, mit dem bisschen, was sie haben. Trotzdem ist die Gastfreundschaft noch wahnsinnig groß. Antonio stellte uns seiner ganzen Familie vor, wir halfen bei der Kartoffel- und Bohnenernte und beim Unkraut jäten. Zu Essen gab es unglaublich viele verschiedene Sorten von Kartoffeln oder eben das Mehrschweinchen, das kurz zuvor noch auf dem Boden der Küche herumgerannt war. Nachdem wir 1,5 Tage dort in Pango verbracht hatten, ging es zurück nach Trujillo. Das Haus in dem wir dann dort schliefen, kam uns wegen fließendem Wasser plötzlich richtig luxuriös vor.

Am nächsten Tag besuchten wir noch mehr Familie Antonios in einem Außenbezirk Trujillos, das stark von den Huaicos getroffen worden war. Er war dort mit seinen Geschwistern dabei gewesen, eine Schule zu bauen, die aber den Überschwemmungen quasi komplett zum Opfer fiel. Insgesamt ermöglichten mir diese drei Tage mal einen wirklich authentischen Eindruck und die Möglichkeit des Miterlebens eines Lebens im peruanischen Andendorf, wie man es sich kaum vorstellen kann.

Meine Erlebnisse mit Land und Leuten

Die Ereignisse, die sich im März in Peru abspielten, schafften es in die Nachrichten der ganzen Welt, sogar bis in die Tübinger Regionalpresse. Das Klimaphänomen „el niño“, das unregelmäßig wiederkehrende Phänomen, dass sich die Meere mehr aufheizen und es deshalb zu stärkeren Regenfällen kommt, fiel dieses Jahr so schwer aus, dass im ganzen Land zeitweise der Notstand ausgerufen werden musste. Durch die verstärkten Regenfälle, die Resultat des wärmeren Pazifiks an den Küsten Perus sind, kam es vor allem in den Andenregionen zu Erdrutschen, so genannten „Huaicos“. Diese reißen alles mit, was ihnen in den Weg kommt, Gesteinsbrocken, Bäume, Häuser, Menschen. Auch ein östlicher Stadtteil Limas war betroffen, die ganze Stadt hatte aber unter den Folgen zu leiden. Aufgrund der Wassermassen, die mit Schlamm, und größeren Teilen, angeschwemmt wurden, mussten die Trinkwasseraufbereitungsanlagen wegen Überforderung und Überschwemmung abgeschaltet werden, was dazu führte, dass in der 10 Millionen Einwohner Stadt für mehrere Tage das Wasser ausfiel – und das bei täglichen Temperaturen von 30 Grad! Die Menschen, besonders wir aus den ärmeren Vierteln, versuchten verzweifelt an Wasser zu kommen. An einem Tag duschten Becci und ich verbotener Weise im colegio, weil dieses einen großen Tank hat, und unser Vater dort auch für unser Haus ein wenig Wasser holte. In den Supermärkten waren die Trinkwasserregale nach kurzer Zeit leer gekauft. Die Lebensmittelpreise stiegen um ein Vielfaches an, und frische Sachen gab es gar nicht mehr, da die Wüstenstadt normalerweise alles aus dem Umland importiert, was aber wegen zerstörter Straßen nicht mehr geliefert werden konnte. Die Regierung ließ offiziell die Schule für mehrere Tage ausfallen. Es herrschte einfach nur Chaos.

Hier in Villa el Salvador hatten wir noch Glück im Unglück, denn auch wenn wir unter den Auswirkungen zu leiden hatten, ist das kein Vergleich zu dem, was die Menschen durchmachen mussten, in den Gebieten, die direkt von den Überschwemmungen betroffen waren. Die freien Tage, die wir nun hatten, wollten wir sinnvoll nutzen und fuhren zweimal mit Richard in das betroffene Stadtviertel Limas. Am ersten Tag halfen wir einer Mutter ihr Haus von einer circa 10 cm dicken Schicht aus Schlamm und Wasser zu befreien. Für diese Menschen, deren Häuser dort jetzt unbewohnbar waren, hatte die Regierung zwar Zelte aufgebaut, in denen die Menschen sporadisch unterkommen konnten, doch sonst war wenig staatliche Hilfe präsent. Die Hilfe der Bevölkerung jedoch war sehr groß. Viele kamen, um Essen oder Kleidung zu bringen. Leider wurden diese Hilfsangebote von niemandem koordiniert, sodass die Hilfe nicht richtig verteilt wurde, und entferntere Betroffene gar nicht erreicht wurden. An einem anderen Tag fuhren wir noch weiter ins Hinterland hinaus. Dort bot sich uns ein Bild der völligen Zerstörung. Wo früher einmal Felder, Straßen und Häuser gewesen waren, gab es nur noch Trümmer, Felsbrocken und ein neu entstandenes Flussbett – mitten in der Wüste. Auch wenn ich diese Bilder jetzt im Kopf habe, ist es schwer sich wirklich vorzustellen, was diese Menschen durchmachen müssen. Das Hab und Gut, das sie besaßen, haben sie verloren und auch wenn die Hilfe aus der Bevölkerung in den Anfangstagen sehr groß war, bis dort wieder Häuser stehen und die Menschen ein normales Leben führen können, wird es wohl noch einige Zeit dauern. Wir bei uns in Villa el Salvador hatten also wirklich Glück in dem ganzen Unglück, das sich hier im Land zugetragen hat!

Die letzten drei Monate waren also sehr ereignisreich für mich. Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick geben. Ich hoffe, das letzte Viertel bringt mir nochmal genauso viel Freude, Erlebnisse und Erfahrungen fürs Leben, die ich dann mit euch teilen kann!

Auf bald! – eure Sophie